Drei Fragen an Eva Pietsch

Eva Pietsch, Autorin unseres Bandes Leo Stern und Jacques Sonneborn Gründerunternehmer der Hamburger Mineralölindustrie, im Gespräch mit dem Präsidenten der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, Ekkehard Nümann.
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: In Ihrer Doppelbiografie erzählen Sie die Geschichte der erfolgreichen Unternehmerpersönlichkeiten Leo Stern und Jacques Sonneborn, aber auch Wirtschafts- und Umweltgeschichte – was stand für Sie im Vordergrund und wie haben Sie diese Aspekte gewichtet?
Eva Pietsch: Am Anfang stand der Lebenslauf von Leo Stern, den er im Februar 1933 verfasste – eine faszinierende Quelle für eine Unternehmensgeschichte. Ich habe Stern und Sonneborn im Verlauf der Recherche dann als kluge Netzwerker und innovative Akteure in Hamburgs Freihafen kennengelernt. Seit 1888 hatten sie großen Anteil an dessen wirtschaftlichem Erfolg. Aus meiner Sicht sollte dies historisch-kritisch gewürdigt werden, denn die Bedeutung der Ölwerke Stern-Sonneborn auch für die spätere Deutsche Shell steht außer Zweifel. Die Umweltschäden der Mineralölherstellung in der Elbe beleuchten zu können, war ein unerhoffter Beifang aus den Firmenakten im Hamburger Staatsarchiv.
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Leo Stern und Jacques Sonneborn sind Vergessene der jüdischen Geschichte Hamburgs, schreiben Sie. Es handele sich um einen weißen Fleck in der Industriegeschichte Hamburgs und Deutschlands insgesamt. Was ist da passiert?
Eva Pietsch: Dieses Vergessen hat verschiedene Gründe. Am schwersten wiegt sicher, dass Stern, Sonneborn und ihre Familien im "Dritten Reich" als Juden rücksichtslos verfolgt, enteignet und ins Exil getrieben wurden. Dass sie ihre Heimat und die deutsche Staatsangehörigkeit verloren, wirkte als Trauma für die Überlebenden nach. Aber auch ein "Vergessen-Wollen" im neuen Staat Bundesrepublik gehörte dazu. Die 1925 gegründete Rhenania-Ossag, die sich 1947 in "Deutsche Shell AG" umbenannte, wollte weder an ihre vorauseilende Selbst-Arisierung im Jahr 1933 erinnert werden, noch an ihre Verstrickung in die NS-Rüstungs- und Kriegswirtschaft. Die Deutsche Shell stritt ab, verunklarte und ihre Archive blieben lange Zeit verschlossen.
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Warum engagierten sich die Ölwerke Stern-Sonneborn 1920 überhaupt als Mäzene der Hamburger Universität und der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung?
Eva Pietsch: Im Kaiserreich entwickelten sich die Ölwerke Stern-Sonneborn zum Ort einer wissenschaftlich basierten Produktion. Die Herstellung technischer Öle und Fette auf Rohölbasis wurde ein Bereich der fortgesetzten chemischen Forschung – einer Spitzentechnologie. Stern und Sonneborn unterhielten ein großes Labor und beschäftigten wissenschaftlich geschultes Personal. 1920, nach dem verlorenen Krieg, wollten sie dem Bedarf ihrer Kunden – Metall- und Elektroindustrie, Maschinenbau und schließlich Automobil- und Flugzeugbau – weiterhin entsprechen, die hochwertige Technik-Schmierstoffe benötigten. Dass eine Universität Wissenschaft und Bildung in Hamburg stärken würde, passte also zu ihrer unternehmerischen Sicht. Stern und Sonneborn unterstützten überdies die Wohlfahrtspflege, so das Israelitische Krankenhaus und das Waisenhaus der jüdischen Gemeinde. Auch ihre Beziehung zu Max Warburg bestärkte sicherlich dieses Engagement.
Die Publikation erscheint im Wallstein Verlag und kann direkt dort oder im Buchhandel (ISBN 978-3-8353-5404-3) bestellt werden.