Drei Fragen an Stefan Buchen

Stefan Buchen, Autor unseres Bandes Carl Rathjens (1887-1966). Geschichte eines Nonkonformisten im Gespräch mit dem Präsidenten der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, Ekkehard Nümann.
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Warum hatte ein unabhängiger Kopf wie der Geograf Carl Rathjens an der Hamburger Universität keine Chance?
Stefan Buchen: Der Leiter des Geografischen Seminars war in den 1920er Jahren der Radikalnationalist und glühende Antisemit Siegfried Passarge. Mit ihm geriet der "wissenschaftliche Hilfsarbeiter" Rathjens in Streit. Rathjens lehnte sowohl Passarges autoritäres Auftreten als auch dessen politische Ansichten ab. Deshalb wechselte Rathjens zum Welt-Wirtschaftsarchiv. Andere Assistenten Passarges wie Ludwig Mecking und Bernhard Stichel machten später im Nationalsozialismus als Geografen Karriere.
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Sie schreiben, dass eine Person zunächst einmal aus ihrer Zeit heraus verstanden werden müsse und ergänzen: "Das Jahrhundert von 1850 bis 1950 war das Jahrhundert des Rassismus." Und Sie porträtieren Carl Rathjens als den Aufgeschlossenen, den Integren, den Nonkonformisten – woran machen Sie diese Einschätzung vor allem fest?
Stefan Buchen: Rathjens hat als Reisender, Wissenschaftler und politisch Denkender die Arroganz der Europäer auf dem Höhepunkt ihrer Weltbeherrschung erkannt und beschrieben. Selbst Europäer, muss man ihn folglich als selbstkritischen Europäer beschreiben, obgleich er im Geist des europäischen Überlegenheits- und Herrschaftsanspruchs erzogen und ausgebildet worden war. Seine Biografie zeigt, wie er Stück für Stück die gängigen politischen Schlussfolgerungen aus den rassistischen Lehren abgestreift hat. Der Gedanke der Gleichberechtigung wurde für Rathjens der ausschlaggebende. Dieser Prozess führte zu seiner Ablehnung des Nationalsozialismus bereits vor 1933.
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Sie haben Carl Rathjens Leben ans Licht gebracht. Wie sind Sie auf den umfangreichen Rathjens-Nachlass in der Staatsbibliothek gestoßen?
Stefan Buchen: Den Ausgangspunkt bildet die Geschichte der Arabistin Hedwig Klein. Die Hamburger Wissenschaftlerin jüdischer Abstammung wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Rathjens wollte ihr 1939 zur Flucht nach Indien verhelfen. Doch die Flucht scheiterte. Rathjens Engagement für Hedwig Klein lässt seine ungewöhnliche Persönlichkeit erkennen. Denn er sorgte dafür, dass Kleins Doktorarbeit, die im Nationalsozialismus nicht gedruckt werden durfte, postum erschien. Bei den Recherchen zu Hedwig Klein entdeckte ich den Umfang und den historischen Wert des Nachlasses von Rathjens. Mir wurde dann schnell klar, dass das Leben dieses Geografen einmal im Ganzen dargestellt werden muss.
Die Publikation erscheint im Wallstein Verlag und kann direkt dort oder im Buchhandel (ISBN 978-3-8353-5407-4) bestellt werden.