Drei Fragen an Meike G. Werner und Rainer Hering

Meike G. Werner und Rainer Hering, Autoren unseres Bandes Katakombenzeit. Wilhelm Flitner in Hamburg 1929-1969, im Gespräch mit dem Präsidenten der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, Ekkehard Nümann. 

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Ihre Wilhelm Flitner-Biographie zeigt einen Wissenschaftler von Rang, der die Pädagogik an Hochschulen als akademische Disziplin zu etablieren half. Worin sehen Sie Flitners Impulse für die Erziehungswissenschaft im 20. Jahrhundert?

Meike G. Werner und Rainer Hering: Wilhelm Flitner war einer der bedeutendsten Erziehungswissenschaftler im 20. Jahrhundert. Als Vertreter der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik und Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Erziehung" prägte er Generationen angehender Lehrerinnen und Lehrer. Zudem war der Reformpädagoge als Pionier der Volkshochschulbewegung in der Erwachsenenbildung aktiv. In der jungen Bonner Republik zählte er zu den wichtigsten Politikberatern in Schulfragen, so bei der Reform der gymnasialen Oberstufe.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Der Titel "Katakombenzeit" zielt auf die Jahre des Nationalsozialismus und die Haltung Flitners in dieser herausfordernden Zeit. Was ist dabei besonders bemerkenswert?

Meike G. Werner und Rainer Hering: Flitner war im "Dritten Reich" in seiner beruflichen Existenz bedroht: Er stand als Professor, der sich in seiner Rede zum Verfassungstag 1930 öffentlich zur Weimarer Republik bekannt hatte, unter Beobachtung. Beinahe wäre er entlassen worden; seine Vorlesungen wurden teilweise überwacht. Dennoch gelang es ihm, durch die Inhalte seiner Lehrveranstaltungen humanistische Werte zu vermitteln sowie regimekritische Studierende zu unterstützen und ihnen einen Ort des Austausches zu verschaffen.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Ihre "Katakombenzeit" präsentiert ausführlich Flitners bislang unveröffentlichte Tagebuch-Notizen. Warum geben Sie seiner eigenen Stimme breiten Raum?

Meike G. Werner und Rainer Hering: Flitner hat zwar unregelmäßig, aber dann sehr intensiv Tagebuch geschrieben. Gerade für die Zeit des "Dritten Reiches" liegt damit eine einzigartige Quelle vor. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen an der "braunen" Hamburger Universität werden ebenso nachvollziehbar wie die Herausforderungen des Alltags. Unmittelbar zu spüren sind auch die Bedrohung von Familie und Freunden durch den Holocaust sowie im Zweiten Weltkrieg mit den Luftangriffen auf Hamburg die Sorge um seine Familie und Studenten. Auch wir leben in Zeiten der leichtfertigen Umwertung aller Werte – und der Demokratie geht es schlecht. Deshalb wirken Flitners Tagebücher erschreckend vertraut.

Die Publikation ist beim Wallstein Verlag erschienen. Sie können Sie in jeder Buchhandlung oder direkt hier erwerben.

 

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