Drei Fragen an Susanne Wittek

Susanne Wittek, Autorin unseres Bandes "Es gibt keinen direkteren Weg zu mir als über Deine Kunst." Rosa Schapire im Spiegel ihrer Brief an Karl Schmidt-Rottluff 1950-1954, im Gespräch mit dem Präsidenten der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, Ekkehard Nümann.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Die Kunsthistorikerin Rosa Schapire war klug, selbstbewusst, urteilsstark – was hat Sie an dieser eigenwilligen Frau besonders interessiert?

Susanne Wittek: Rosa Schapire war in mehrfacher Hinsicht eine Pionierin. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie als alleinstehende, ökonomisch unabhängige Intellektuelle Wegbereiterin eines neuen weiblichen Selbstverständnisses. Sie weigerte sich, die traditionelle bürgerliche Frauenrolle einer nicht-berufstätigen Frau und Mutter zu übernehmen. Sie entschied sich als eine der ersten Frauen, die junge Disziplin der Kunstgeschichte – damals eine Männerdomäne – zu studieren und zu promovieren. Im deutschen Kaiserreich begeisterte sie sich entgegen dem konservativen Zeitgeist für die avantgardistischen Ausdrucksformen des Expressionismus, besonders für die 1905 gegründete Künstlergruppe "Brücke" und deren Mitbegründer Karl Schmidt-Rottluff. Obgleich deswegen angegriffen, setzte sie sich unbeirrt für die neue Kunstrichtung ein.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Als Jüdin wurde Schapire von den Nationalsozialisten entrechtet, sie floh aus Hamburg ins Exil nach London, wo sie unter strapaziösen Umständen lebte, doch setzte sie sich weiterhin unermüdlich für die Brücke-Kunst ein – was war ihr Antrieb?

Susanne Wittek: Rosa Schapire war von der Kunst der Brücke-Künstler, allen voran der Schmidt-Rottluffs, zutiefst beeindruckt. Der Künstler wurde zur Schlüsselfigur ihres Lebens: Sie bekannte, dass niemand und nichts in ihrem Leben und für ihre Entwicklung von solcher Bedeutung war wie die Begegnung mit ihm 1908. Aus ihrer Sicht rührte seine Kunst "an tiefe Verborgenheiten", sie erkannte darin ein "mystisches Element", das "keine bequemen Luxusgefühle", sondern Empfindungen von elementarer Gewalt auslöste. Beim ersten Anblick von Schmidt-Rottluffs Arbeiten hatte sie nach ihren Worten "das erlebt, was man im religiösen Sinne 'Offenbarung' nennt". Dies scheint die Quelle der unerschöpflichen Energie gewesen zu sein, mit der sie auch noch als fast 80-jährige trotz Exil und gesundheitlicher Probleme bei Museen und Galerien sowie im privaten Umfeld für seine Kunst warb.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Sie haben ein umfangreiches Konvolut des Briefwechsels zwischen Karl Schmidt-Rottluff und Rosa Schapire ausgewertet, welche Einblicke, welche Erkenntnisse konnten Sie daraus gewinnen?

Susanne Wittek: Die im Archiv des Berliner Brücke-Museums erhaltenen Briefe Schapires an Schmidt-Rottluff stammen aus den Nachkriegsjahren 1950 bis 1954. Sie zeigen eine Frau, die im Exil trotz reger sozialer Kontakte unter ihrer Entwurzelung und unter Einsamkeit litt. Sie sehnte den Tod herbei und brauchte die briefliche Zuwendung Schmidt-Rottluffs lebensnotwendig. Noch als über 70-jährige kämpfte sie durchgängig an zwei existenziell wichtigen Fronten: Neben schweren gesundheitlichen Problemen musste sie immer wieder unfreiwillige Wohnungswechsel bewältigen – diese Umstände behinderten sie massiv in ihrer Berufstätigkeit (Forschungsarbeiten im Auftrag anderer Wissenschaftler, Ausstellungsrezensionen und Artikel für Kunstzeitschriften). Ihre Briefe zeigen eine Frau, die bis zum Schluss nie zur Ruhe kam und unter größten Mühen die Kraft aufbrachte, sich in England für das Bekanntmachen des Expressionismus und insbesondere der Kunst Schmidt-Rottluffs einzusetzen.

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