Leo Stern und Jacques Sonneborn, zwei vergessene Pioniere der Hamburger Mineralölindustrie
Die gelernten Handels- und Bankkaufleute Leo Stern (1858-1943) und Jacques Sonneborn (1863-1936) bewiesen gleichermaßen unternehmerische Tatkraft, Innovationsfreude und Organisationstalent. Die Cousins aus dem Hessischen erkannten schon früh den steigenden Bedarf an "lubricants" – an technischen Schmierstoffen. 1888 errichteten sie im Hamburger Freihafen eine Fabrik für "mechanische Öle, Fette und Vaseline" und bauten so auf dem Kleinen Grasbrock einen weltweit gefragten Standort für die Veredelung und den internationalen Vertrieb neuartiger Erdölprodukte auf.
Die Historikerin Eva Pietsch schildert anschaulich Stern und Sonneborn als innovative Unternehmer. Sie bewegten sich, wie sich ihre Zeit bewegte. "Wer gut schmiert, der gut fährt", so lautete der Werbeslogan der "Oelwerke Stern-Sonneborn A.-G." (OSSAG). Schon bald gab es auch Produktionsstätten in Paris, Turin und London, weil die rasante Mobilitätsentwicklung danach verlangte – ohne Achsenfett konnten kein Eisenbahnwaggon und keine Kleinbahn über die Schienen rollen, kein Elektrizitätswerk konnte ohne Transformatoren- und Isolieröle betrieben werden. Rasch expandierte das Unternehmen, das Exportvolumen stieg, von 27.000 Tonnen (1907) auf 46.000 Tonnen (1911). Doch dieses rasante Wachstum hatte auch eine Kehrseite: die Produktion industrieller Öle und Fette war in hohem Grade umweltbelastend, denn öl- und säurehaltige Einleitungen verschmutzten das Elbwasser.
Im Ersten Weltkrieg wurde die OSSAG zum gefragten Heereslieferanten, sie lieferte Torpedo- und Flugmotorenöl für die Kaiserliche Flotte. Die Dividendenausschüttung erreichte 1917 ihren höchsten Stand. Die wirtschaftlich schwierige Nachkriegszeit mit Inflation und der anstehende Generationenwechsel brachten das Unternehmen jedoch in Schwierigkeiten: 1924 wurde zum heiklen Jahr für die OSSAG, die im Folgejahr von der britisch-niederländische Shell-Gruppe übernommen wurde. Eva Pietschs Buch ist auch ein Wirtschaftskrimi, denn die Gründer Stern und Sonneborn wurden schon bald danach ausgebootet und der deutsche Marktführer wurde unter veränderten politischen Vorzeichen zum "arisierten" Rüstungszulieferer. Jacques Sonneborn starb im Sommer 1936, kurz darauf gelangten seine drei Kinder mit ihren Familien nach Großbritannien. Leo Stern floh 1938, mit 80 Jahren, nach Italien und 1941 in die USA.
Seit 1947 heißt das Unternehmen "Deutsche Shell AG", der Konzern löschte damit endgültig die Verbindung zu den Gründern Stern und Sonneborn. Im Nachkriegsdeutschland bestand kein Interesse daran, die Verquickung der deutschen Shell-Tochter mit der NS-Kriegswirtschaft zu thematisieren. Die Verantwortung für die Beteiligung an Rüstungswirtschaft und Zwangsarbeit wurde geleugnet oder bagatellisiert. "Shell-nahe Darstellungen tun sich schwer damit einzugestehen, dass die Firma sich zu Beginn der NS-Diktatur rigoros von jüdischen Mitgliedern trennte", so Pietsch. Ihr faktenreiches Buch stellt die Lebensgeschichten von Leo Stern und Jacques Sonneborn vor – zwei vergessenen Pionieren der Hamburger Wirtschaftsgeschichte. Deren Aufbauleistung zeigt sich bis heute in Sichtweite der Elbphilharmonie, wo eines der größten Schmierstoffwerke Europas liegt. Die Doppelbiographie sollte als außergewöhnlicher Stolperstein der Hamburger Unternehmensgeschichte gelesen werden.
Die Publikation ist bem Wallstein Verlag erschienen und kann direkt dort oder im Buchhandel (ISBN 978-3-8353-5404-3) bestellt werden.