Karen Michels, Autorin unseres Bandes Über Grenzen gehen. Wie William S. Heckscher die Hamburger Schule der Kunstgeschichte in die Welt exportierte, im Gespräch mit Ekkehard Nümann, dem Präsidenten der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung.
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Worin besteht die Originalität des Kulturhistorikers William S.Heckscher, welche seiner "gedanklichen Wanderwege" sind besonders anregend?
Karen Michels: Heckscher hat in jeder Beziehung – und im Sinne Aby Warburgs – "kulturwissenschaftlich" gedacht. Auf seinen faszinierenden intellektuellen Detektivreisen entdeckte er bisher nie gesehene Zusammenhänge, etwa die Wanderung des Motivs der „Perle“ von der griechischen Antike über die christliche Ikonographie bis zu "Gretchen" in Goethes "Faust" und der traditionellen Bezeichnung einer Haushaltshilfe als "Perle".
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Sie schildern das "schillernde Lebensgewebe" eines vielseitigen Mannes. Nichts an ihm scheint konventionell gewesen zu sein.
Karen Michels: Ja, er hatte ja als Künstler begonnen, der, von Erwin Panofsky begeistert, Kunstgeschichte studierte und nach seiner Emigration zunächst Phonetik lehrte. Dann erst erhielt er den Ruf auf einen kunsthistorischen Lehrstuhl. Aus heutiger Sicht ist seine bedeutendste Leistung die Entwicklung einer neuen Methode, die größte wissenschaftliche Präzision (inklusive der längsten Fußnoten der Kunstgeschichte!) mit bewusst eingesetztem assoziativen Denken verbindet.
Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Was erinnern Sie von der persönlichen Begegnung mit Heckscher in der "intellektuellen Oase" Princeton?
Karen Michels: Heckscher war ein brillanter und eloquenter Gesprächspartner, in dessen Rede sich nahtlos plattdeutsche Passagen mit lateinischen Sentenzen mischten. Er erinnerte sich präzise und detailreich an seine Studienzeit, auch an die schwierigen Jahre an der gleichgeschalteten Hamburgischen – bald "Hansischen" – Universität. Seine Großzügigkeit und Offenheit gegenüber einer aus Deutschland kommenden jungen Forscherin hat mich sehr berührt. Als große Ehre für Hamburg sehe ich, dass er sein gesamtes umfangreiches Archiv nach seinem Tod im Warburg-Haus bewahrt wissen wollte – wo es sich heute befindet.
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