Drei Fragen an Sylvia Steckmest

Sylvia Steckmest, Autorin unseren Bandes Die Bekleidungsproduzenten Rappolt & Söhne. Mäntel aus Hamburg für die Welt im Gespräch mit dem Präsidenten der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, Ekkehard Nümann.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Sie haben ein Buch über eine erfolgreiche jüdische Familie und einen Betrieb der Textil- und Modeindustrie mitten in Hamburg verfasst – was hat Sie an diesem doppelten komplexen Sujet gereizt?

Sylvia Steckmest: Ich habe an der Armgartstraße Modedesign studiert und mich anschließend selbständig gemacht. Als ich vor 20 Jahren begann, mich für meine Familiengeschichte zu interessieren, lernte ich Jürgen Sielemann im Staatsarchiv kennen, der mich bald in die Hamburger Gesellschaft für jüdische Genealogie holte. Während dieser langjährigen Aktivität entstand die Idee, zu den ehemals jüdischen Modefirmen zu forschen. Am Rappolt-Buch hat mich besonders die Firmengeschichte interessiert, auch wenn dazu nicht so viel herauszufinden war wie erhofft. Die Kombination meines erlernten Berufs, die jüdische Geschichte, die Wirtschaftsgeschichte und natürlich die langwierige Wiedergutmachung – das zusammen fand ich sehr reizvoll. An dieser Thematik arbeite ich auch zu anderen Firmen weiter.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Der Betriebsgründer Joseph Rappolt (1835-1907) konnte die Firma Oppenheim & Rappolt etablieren, seine beiden Söhne führten sie expansiv weiter. Was machte die Innovationskraft dieser nachfolgenden Generation aus?

Sylvia Steckmest: Die zweite Generation, die Kinder von Joseph Rappolt, wuchsen in einer Zeit des Aufbruchs auf. Alles schien schöner, größer und besser zu werden. Hamburg bot eine perfekte Ausgangsposition. Dass sie Mut besaßen und kreditwürdig waren, zeigt sich im Bau des Rappolt-Hauses in der Mönckebergstraße 11 und 13. Als Kaufleute rechneten sie sich aus, wieviel Geld sie durch die Mieten wieder einnehmen könnten und hielten diese Investition für vertretbar. Die Feldbergs, ebenfalls Mantelproduzenten und Nachbarn in der Mönckebergstraße, bauten genauso groß. Die gute Qualität der Rappoltschen Mode-Produkte zahlte sich auch in Krisenzeiten aus, denn der Erste Weltkrieg wie auch die Inflation belastete nahezu alle Firmen. Der Zusammenhalt der Rappolts war sehr belastbar und auch die nächste Generation stand schon bereit. Solche Familienbetriebe sind inzwischen rar.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Sie schreiben: "Franz Rappolt hatte sich nicht schnell genug zu einer Ausreise entschließen können." Die Nationalsozialisten zerstörten das Lebenswerk der Familie Rappolt und "arisierten" deren Betrieb. Welches Bild ergibt sich hinsichtlich der Wiedergutmachung nach dem Zweiten Weltkrieg?

Sylvia Steckmest: Für jemanden, der eine große Firma aufbauen konnte und dazu in der Handelskammer und anderen Institutionen tätig war, muss es extrem demütigend gewesen sein, so degradiert zu werden. Dass man bis zuletzt hoffte, so schlimm werde es für einen selber nicht werden, lässt sich denken. Auch standen Franz Rappolts Kinder im Vordergrund, die nächste Generation musste zuerst gerettet werden. Das Gebäude Mönckebergstraße 11 wurde der Familie vom Käufer mit 42,5 % zurückerstattet, ebenso die Firmenanteile. Andere Zahlungen wie die Reichsfluchtsteuer etc. musste die Stadt zurückerstatten. Die juristische Klärung konnten nur diejenigen überstehen, die gute und hartnäckige Anwälte hatten. Besonders schwierig war das in den ersten Nachkriegsjahren, als die Rückerstattungs-Beträge noch gering waren. Sie wurden erst in den 1960er Jahren erhöht. Umgerechnet wurde dann meist im Verhältnis 10:1 (Reichsmark zu D-Mark). Schäden an Gesundheit und Seele wurden fast nie berücksichtigt, und die Heimat blieb für die meisten für immer verloren.

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