Nichts ging ohne sie

Biographie Gertrud Bings zeigt die Bedeutung der Literaturwissenschaftlerin und Philosophin für die Warburg-Bibliothek und publiziert erstmals ihre Dissertation

Gertrud Bing (1892-1964) leistete Herausragendes für die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg (KBW) in Hamburg. Gertrud Bing im Warburg-Cassirer-Kreis, die Biographie dieser Intellektuellen aus eigener Geltung, zeigt ihr Wirken in der Hansestadt wie später im Londoner Exil. Sie eröffnet zudem Einblicke in Bings wissenschaftliche Leistung, denn ihre Dissertation Der Begriff des Notwendigen bei Lessing. Ein Beitrag zum geistesgeschichtlichen Problem Leibniz-Lessing wird hier erstmals abgedruckt und erläuternd kommentiert.

Nach der Ausbildung und Tätigkeit als Lehrerin studierte die gebürtige Hamburgerin in München Philosophie, Psychologie und Germanistik. Sie promovierte 1921 bei Ernst Cassirer in der Hansestadt. Cassirer vermittelte sie als Bibliothekarin an die KBW in der Heilwigstraße. Zwischen 1921 und 1933 erwies sich "Fräulein Bing", wie sie genannt wurde, als unverzichtbar beim Aufbau der Bibliothek. Als Mitarbeiterin und Lebensgefährtin von Fritz Saxl, dem ersten Leiter der KBW, entwickelte sie deren besondere Systematik mit, gegliedert in das menschliche Handeln, in das Wort, in die Orientierung und das Bild. Diese Systematik repräsentierte Aby Warburgs Vorstellung von der Entwicklung des menschlichen Geistes. Als Assistentin und engste Mitarbeiterin Warburgs – er nannte sie schließlich "Kollegin Bing" – war sie ab 1924 eine ebenso kluge Gesprächspartnerin wie organisatorisch versierte Begleiterin bei den Reisen nach Florenz und Rom. Nach Warburgs Tod 1929 edierte sie dessen Gesammelte Schriften und arbeitete bis an ihr Lebensende an seiner Biographie.

Es gehört zum bleibenden Verdienst Gertrud Bings, die Bibliothek mit damals 65.000 Bänden vor dem Zugriff der Nationalsozialisten nach London gerettet zu haben. Als stellvertretende Direktorin etablierte sie die KBW dort – als "The Warburg Institute". Von 1955 bis 1958 leitete sie dann selbst das Londoner Institut. Nur einmal kehrte sie 1958 in ihre Heimatstadt Hamburg zurück, blieb aber reserviert gegenüber allen Versuchen, die Zeit der Verfolgung vergessen zu machen.

Dr. Ekkehard Nümann, Präsident der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, betont: "Gertrud Bing war eine eindrucksvolle Persönlichkeit und als geistreiche Mitarbeiterin für Aby Warburg unverzichtbar, denn der KBW-Gründer konnte aufgrund längerer Klinikaufenthalte nicht immer in Hamburg sein. Diese Publikation verdeutlicht die Leistungen Bings, besonders ihre Umsicht bei der Rettung der Bibliothek 1933. Gertrud Bing war eine der ersten Doktorandinnen der Hamburger Universität. Unser Band enthält den Text ihrer bislang unveröffentlichten Dissertation. Er würdigt eine Frau, die ihre Kraft und ihr Wissen vorrangig in den Dienst anderer gestellt hat, und unterstreicht ihre eigene Bedeutung als Wissenschaftlerin."

Gertrud Bing im Warburg-Cassirer-Kreis – diese Biographie verdeutlicht: Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg, eines der Kraftfelder der Kunstgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, wäre nichts ohne Gertrud Bing. Sie überschritt Grenzen, in ihrem wissenschaftlichen Denken wie in ihren mutigen Entscheidungen und hat damit die einzigartige KBW mit gestaltet.

Die Publikation erscheint im Wallstein Verlag und kann direkt dort oder im Buchhandel (ISBN 978-3-8353-5310-7) bestellt werden.