Drei Fragen an Henning Albrecht

Henning Albrecht, Autor unseres neuen Bandes Troplowitz. Porträt eines Unternehmerpaares, im Gespräch mit dem Präsidenten der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, Dr. Ekkehard Nümann.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Oscar Troplowitz ist ein Pionier in vielerlei Hinsicht, mit Nivea erfindet er eine Weltmarke – wie gelingt ihm das?

Henning Albrecht: Oscar Troplowitz vereinte in seiner Person mehrere entscheidende Vorzüge: eigene wissenschaftliche Begabung, aber auch Neugier auf die Forschungen Dritter. Hierdurch gewann er die technischen Grundlagen für seine bahnbrechenden Produktinnovationen. Hinzu kamen seine Kreativität und sein Urteilsvermögen. Sie führten ihn etwa dazu, einen neuen, revolutionären Emulgator zur Herstellung von Hautcreme einzusetzen, also im kosmetischen Bereich – und nicht nur zur pharmazeutischen Produktion von Salben. Zu guter Letzt waren sein Weitblick und sein kaufmännisches Können bedeutsam: Troplowitz sah die Chancen, welche die industrielle Welt bot, und mit ihr eine Ära, in der Körperpflege zum Massenphänomen werden sollte. Dass Nivea zu einer Weltmarke wurde, verdankt sich auch der Tatsache, dass Troplowitz als einer der ersten die Bedeutung von Marken überhaupt erkannte. Zudem verfolgte er mit seinem Unternehmen von Beginn an eine globale Strategie – immer auf Basis der anerkannten Leistungsfähigkeit seiner Produkte.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Wie sehen Sie als sein Biograph den Charakter von Oscar Troplowitz?

Henning Albrecht: Neben den genannten Eigenschaften wird an Oscar Troplowitz vor allem seine Menschenfreundlichkeit gerühmt: Güte gilt denen, die ihn persönlich kannten, als Grundzug seines Wesens. Hinzu kamen sein Humor, seine Zugewandtheit, Hilfsbereitschaft und Freigebigkeit, vor allem aber auch sein Sinn für das Schöne: sein Kunstsinn! Zwar galt er als ein eher stiller Mensch, doch war er hochgradig gesellig – und zugleich ein nicht nur sozial denkender, sondern auch handelnder, beispielhaft fortschrittlicher Unternehmer. Dabei hat Gertrud Troplowitz greifbaren Anteil am Erfolg ihres Mannes: Oscars Kreativität, seine Innovationsbereitschaft und sein Weitblick konnten sich erst dadurch verwirklichen, dass die Familie seiner Braut ihm den Kauf von Beiersdorf & Co ermöglichte – wie auch den Bau einer neuen Fabrik in Eimsbüttel. Gertruds Mitgift und die Kredite des Schwiegervaters spielten hierbei eine entscheidende Rolle.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Oscar Troplowitz’ hohes Engagement in geschäftlichen wie auch in gesellschaftlichen Belangen, sein rastloses Schaffen – steht es auch für den Wunsch nach Anerkennung und Zugehörigkeit?

Henning Albrecht: Es erscheint plausibel, dass ein aus Schlesien stammender Neuhamburger wie Troplowitz, der als Fabrikant in dieser Kaufmannsstadt eine Sonderrolle ebenso einnahm wie in religiöser Hinsicht als Jude, durch sein außerordentliches bürgerschaftliches Engagement gesellschaftliche Anerkennung suchte. Dennoch spielten für sein geschäftliches wie bürgerschaftliches Streben auch familiäre Prägungen eine besondere Rolle: das eigene bürgerliche Herkommen und die Traditionen des Engagements – das waren familiäre und persönliche Selbstverständlichkeiten. Dies zu betonen, ist mir besonders wichtig. Und noch etwas möchte ich an dieser Stelle betonen: Hamburg verdankt dem Ehepaar Troplowitz vieles! Dazu zählt dessen Großspende an die Kunsthalle, immerhin eine der zwei größten Gaben an das Haus im 20. Jahrhundert. Doch auch das Stadtbild wäre ohne Oscar Troplowitz ein anderes: Hat er doch 1909 die Berufung Fritz Schumachers zum Baudirektor mit betrieben und danach mit diesem Freund eng in der Baudeputation zusammengewirkt. Etwas weiteres jedoch scheint mir noch bedeutsamer: Gertrud und Oscar Troplowitz haben durch ihre Mitarbeit in zahlreichen Vereinen und Gremien, vor allem aber durch breit gestreute, ja in ihrer Zahl kaum mehr zu überschauende Spenden und Stiftungen auf vielfältige Weise kulturelle Arbeit in unserer Stadt und darüber hinaus ermöglicht. Dieses Engagement wirkt bis heute.

Die Publikation ist beim Wallstein Verlag erschienen. Sie können Sie in jeder Buchhandlung oder direkt hier erwerben.

Hören Sie hier den Deutschlandfunk-Bericht "Geschichte der Körperpflege" vom 12. November 2020.